


Ein voll besetzter Netzwerkabend und gut besuchte Exkursionen im Goslarer Forst: Nach zwei ereignisreichen Tagen ziehen die Veranstalter eine durchweg positive Bilanz der neuen Event-Reihe, die Jung und Alt für den Lebensraum Wald begeistert hat.
Wald erhalten heißt, Verantwortung zu übernehmen und ihn aktiv zu gestalten. Wie nachhaltige Nutzung, Wiederbewaldung, gesellschaftliche Ansprüche und Schutz dabei zusammengehören, stand am 18. und 19. September in Goslar im Mittelpunkt: Mit dem erstmals veranstalteten Format „Family & Friends“ brachten der Waldbesitzerverband Niedersachsen und die Stadtforst Goslar im Rahmen der Deutschen Waldtage Waldbesitzende, Forstpraxis, Politik, Familien und Waldinteressierte zusammen. Zwischen Netzwerkabend und Exkursionen im Stadtwald wurde deutlich, wie vielfältig die Aufgaben moderner Waldbewirtschaftung sind und wie wichtig der Austausch darüber ist.
Den Auftakt bildete der Netzwerkabend im Großen Heiligen Kreuz. Verbandspräsident Philip Freiherr von Oldershausen stellte dabei eine zentrale Zukunftsfrage in den Mittelpunkt: Wie lassen sich Wiederbewaldung, Klimaanpassung und die vielfältigen gesellschaftlichen Leistungen des Waldes dauerhaft finanzieren? Waldeigentümer erbringen mit ihren Wäldern Leistungen für die gesamte Gesellschaft – während Wiederbewaldung und der Aufbau klimaresilienter Bestände erhebliche Investitionen erfordern. „Mit dem Holzverkauf allein werden wir diese gewaltige Aufgabe nicht überall finanzieren können. Wenn die Gesellschaft zusätzliche Leistungen des Waldes erwartet, brauchen Waldbesitzende auch zusätzliche wirtschaftliche Perspektiven“, so von Oldershausen.

Philip Frhr. von Oldershausen, Präsident des Waldbesitzerverbandes Niedersachsen, eröffnet die Veranstaltung Family and Friends in der historischen Kulisse des Großen Heiligen Kreuzes in Goslar.
Wie konkret diese Herausforderung ist, zeigte Goslars Oberbürgermeisterin Urte Schwerdtner am Beispiel des Stadtwaldes. Klimawandel und Waldschäden hätten gerade im Harz tiefe Spuren hinterlassen. Nun gehe es darum, die entstandenen Flächen als Chance zu nutzen und einen widerstandsfähigen, vielfältigen Mischwald aus Laub- und Nadelbäumen für kommende Generationen aufzubauen.

Oberbürgereisterin Urte Schwerdtner nimmt in ihrem Grußwort Bezug auf die Wiederbewaldung des Goslarer Stadtwaldes und sieht Chancen für den klimaresilienten Waldumbau
Dass hinter dieser Aufgabe vor allem Menschen stehen, hob die Niedersächsische Staatssekretärin Frauke Patzke hervor. Viele private Wälder würden nebenerwerblich oder ehrenamtlich in Forstwirtschaftlichen Zusammenschlüssen bewirtschaftet und somit erhalten werden. „Was wir heute pflanzen und pflegen, werden vielfach erst unsere Kinder und Enkel ernten, so wie wir heute von der Arbeit früherer Generationen profitieren.“ Politik müsse die Waldbesitzenden bei dieser langfristigen Aufgabe unterstützen. Zugleich müsse Forstwirtschaft stärker erklärt werden. Ein nachhaltig bewirtschafteter Wald liefere nicht nur Lebensraum und Erholung, sondern mit Holz auch einen nachwachsenden Rohstoff, Wertschöpfung und zehntausende Arbeitsplätze in Niedersachsen.

Frau Staatssekretärin Frauke Patzke, Ministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz, rückt die Menschen hinter der Forstwirtschaft in den Fokus.
Prof. Dr. Andreas Bitter, Präsident der AGDW – Die Waldeigentümer, richtete den Blick auf die politischen Rahmenbedingungen. Nach den massiven Waldschäden der vergangenen Jahre sei der Wiederaufbau die Aufgabe von Generationen. Bei dem Ziel klimaangepasster und stabiler Wälder bestehe breite Einigkeit, betonte Bitter. Umso wichtiger seien verlässliche und praxistaugliche Regeln. Dies gelte insbesondere vor dem Hintergrund der gerade zur Umsetzung anstehenden Wiederherstellungsverordnung, bei der es an der notwendigen Flexibilität und Zukunftsorientierung fehlt. „Das Ziel muss die Förderung der Vielfalt der Wälder und die Sicherung der Ökosystemleistungen sein und nicht etwa die Wiederherstellung historisch abgeleiteter, aber im Klimawandel wenig zukunftsfähiger Lebensraumtypen“, erklärte der AGDW-Präsident.

Professor Dr. Andreas Bitter, Präsident AGDW die Waldeigentümer, fordert tragfähige Finanzierungskonzepte für den Waldumbau
Den Bogen über diese Themen spannte schließlich der Goslarer Ehrenbürger und Vizekanzler a. D. Sigmar Gabriel. Wald müsse ökologische, ökonomische und soziale Leistungen zugleich erbringen – gerade diese Verbindung mache nachhaltige Forstwirtschaft anspruchsvoll. „Eine dieser Aufgaben allein zu erfüllen, wäre vergleichsweise einfach. Nachhaltigkeit bedeutet aber, alle drei zusammenzubringen.“

Vizekanzler a.D. Sigmar Gabriel vernetzt in seiner Rede Themen der nationalen und internationalen Politik mit klassischen Themen der Forstwirtschaft vor Ort
Dass dabei in Generationen gedacht werde, müsse man Waldbesitzenden nicht erst erklären: Das Prinzip der Nachhaltigkeit sei in der Forstwirtschaft erfunden worden und verankert, lange bevor moderner Umwelt- und Klimaschutz zu gesellschaftlichen Leitfragen wurden. Die heutigen Herausforderungen, so Gabriel, verlangten deshalb weniger Ideologie, sondern Ausdauer, Sachverstand und den Willen, gemeinsam tragfähige Lösungen zu finden.

Von rechts nach links: Philip Frhr. von Oldershausen, Präsident des Waldbesitzerverbandes Niedersachsen e. V.; Frauke Patzke, Staatssekretärin im Ministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz; Marcel Möller, Leiter der Stadtforst Goslar; Sigmar Gabriel, Vizekanzler a.D.; Urte Schwerdtner, Oberbürgermeisterin der Stadt Goslar, Prof. Dr. Andreas Bitter, Präsident AGDW die Waldeigentümer
Waldführung für Kinder zum Thema „Goslars Waldtiere spielerisch erleben“
Am Samstag fanden auf dem neuen Walderlebnispfad des Stadtforsts Goslar in Kooperation mit dem Waldbesitzerverband Niedersachsen auch Waldführungen unter dem Motto „Family & Friends“ statt. Försterin Paula Machunze führte zehn Kinder mit ihren Begleitpersonen durch den Wald, um Goslars Waldtiere spielerisch zu entdecken.
Zu Beginn erklärte Paula Machunze, wie man sich im Wald richtig verhält und worauf es beim gemeinsamen Erleben der Natur ankommt. Anschließend ging es auf die Spuren der Tiere: Die Kinder erfuhren, welche Waldbewohner den Stadtforst Goslar bei der Wiederbewaldung unterstützen -wie der Eichelhäher- und welche Tierarten heute besonders gefährdet sind.
Ein besonderes Highlight war die Station „Jagd“. Hier durften die Kinder Geweihe von Hirsch und Rehbock nicht nur aus nächster Nähe betrachten, sondern auch anfassen. Dabei wurde auch mit einem weit verbreiteten Irrtum aufgeräumt: Das Reh ist nicht die Frau vom Hirsch.
Zum Abschluss wurde der übergroße Fuchsbau auf dem Walderlebnispfad erkundet – ein Erlebnis, bei dem die Kinder noch einmal selbst aktiv werden konnten. Als kleines Dankeschön erhielt jedes Kind am Ende ein Tombola-Los, das anschließend an der Steinbergalm eingelöst werden konnte.
So verband die Führung Wissenswertes über den Wald mit Spiel, Bewegung und jeder Menge Naturerlebnis – ganz im Sinne der Deutschen Waldtage und des Mottos „Family & Friends“.
Waldführung zum Thema „Schutzfunktionen des Stadtwaldes – Vom Fledermaus- bis zum
Wasserschutz“ und zur „Nutzfunktion des Stadtwaldes-warum wir Bäume fällen“
Eine der angebotenen Exkursionen führte im Revier Herzberg um den Forstort Königsberg oberhalb der Granetalsperrer.
Exkursionspunkt war ein Stopp an der sogenannten Bärenhöhle. Hier wurde die Bedeutung des Fledermausschutzes vorgestellt, am Beispiel eines durch Gitter verschlossenen alten Schieferabbaus, so daß die zur Überwinterung einfliegenden Fledermäuse nicht gestört werden. Mit dem Ergebnis, das sich der Überwinterungsbestand in dem vorgestellten Quartier gefestigt und in anderen sogar, vom niedrigen einstelligen bis in den dreistelligen Bereich erhöht hat.
Der nächste Exkursionspunkt galt der Kulturpflege. Ziel war es einzelne Möglichkeiten der Kulturpflege, d.h. das Freistellen von gepflanzten Bäumen von der Begleit- bzw. Konkurrenzvegetation -zur Förderung des Wachstums der Bäumchen- darzustellen und zu erläutern.
Auf der Anschauungsfläche wurden gepflanzte Eichen flächig freigeschnitten, d.h. auf gesamte Fläche wurde die gesamte Vegetation außer der Eiche zurückgeschnitten. Es wurde auch ein sogenannter Gassenfreischnitt gezeigt, d.h. nur die Vegetation zwischen den gepflanzten Eichenreihen wurde zurückgeschnitten. Auch das sogenannte Auskesseln, d.h. nur direkt um die gepflanzte Eiche wird in einem definierten Radius die Konkurrenzvegetation zurückgeschnitten, wurde dargestellt.
Neben den Unterschieden in der Vorgehenswiese, dem jeweiligen Arbeits- und damit Kostenaufwand, wurde auch auf die kleinklimatische Situation der Kulturpflanzen eingegangen, inwieweit es bei den zunehmenden längeren Trockenheits- und damit einhergehenden Hitzephasen noch sinnvoll ist, eine einzelne Pflanze diesem Stress auszusetzen, oder ob die Begleitvegetation nicht auch eine Schutzfunktion innehat.

Stadtförsterin Paula Machunze führt die Kinder durch eine spannende Abfolge von Stationen, die das Thema Wald und Tiere des Waldes näher erläutern.
Nach kurzer Wanderung wurde ein Stopp mit Blick auf die Granetalsperre eingelegt um sich über das Thema Trinkwasser, oder vielmehr der Bedeutung des Waldes zu dessen Schutz und Gewinnung auszutauschen. Nebe den technischen Daten der Granetalsperre wurde auch das Talsperrenverbundsystem mit Oker- und Innerstetalsperre aufgezeigt. Hierbei wird Trinkwasser aus der Oke- und Innerstetalsperre in die Granetalsperre befördert, um dieses dann im Wasserwerk der Grnetalsperre aufzubereiten, um rund 2Mio Menschen bis hinauf nach Bremen mit Trinkwasser zu versorgen.
Die Teilnehmer waren sich alle der enormen Bedeutung und Wichtigkeit des Waldes für Aufnahme, Speicherung und Filterung des wertvollen Gutes Wasser bewusst, sahen aber auch die Notwendigkeit, die durch den Waldbesitzenden erbrachten Leistungen, wie etwa angepasster Waldbau und auch die z.T. höheren Kosten durch Rücksichtnahme und Einschränkungen in der Waldnutzung finanziell ausgeglichen zu bekommen.
Der 4. Haltepunkt sollte die Holznutzung und ihre Wertschöpfung verdeutlichen.
Anhand einer gefällten Fichte wurden die einzelnen Holzqualitäten und deren Verwendung verdeutlicht. So werden etwa Bretter und Balken aus den besseren Qualitäten, Paletten und Latten aus den mittleren Qualitäten, sowie Brennholz und Spannplatten aus den schlechteren Qualitäten erzeugt. Besondere Aufmerksamkeit bekam eine Rolle Toilettenpapier auf dem gefällten Fichtenstamm, diese sollte veranschaulichen, dass auch das geringwertigste Holz für uns Menschen noch eine hohe Bedeutung erreichen kann.
An diesem Punkt wurde verdeutlicht, wie sehr wir in all unseren Lebensbereichen auf den wertvollen und einzig nachwachsenden Rohstoff Holz angewiesen sind und wie wichtig die, durch die Waldbesitzenden erbrachten Leistungen für unsere Gesellschaft sind.

Stadtförsterin Paula Machunze hat alle Hände voll zu tun, um die Fragen der Interessierten Kinder zu beantworten
Nach kurzem Spaziergang folgte der 5. und letzte Exkursionspunkt. Der Spaziergang ging entlang eines ca. 15 Jahre alten Bergahorn – Buchenbestandes der recht dunkel daherkam. In einem Bereich wurden rote und blaue Markierungen an den Bäumen sichtbar und hinter einer Kurve wurde es in dem Bestand plötzlich heller.
An diesem Exkursionspunkt wurde die Notwendigkeit einer Jungbestandspflege verdeutlicht. Hierbei werden in einem jungen Baumbestand einige gut gewachsene Bäume ausgewählt, um sogenannte Z-Bäume (Zukunftsbäume) zu werden. Nebenstehende Bäume, die deren Wachstum negativ beeinflussen könnten, werden entnommen, d.h. gefällt. Hierdurch erhält der „Z-Baum“ mehr Raum, seine Krone auszubreiten und somit besser und ggfls. schneller zu wachsen. Natürlich würde auch von Natur aus ein Baum evtl. die Vorherrschaft erlangen können, nur sind auch unsere Kinder und Kindeskinder auf gut verwertbares Holz für Häuser, Möbel und vieles mehr angewiesen, so dass der Waldbesitzende hier dem Wald etwas unterstützen muss. Nur bei der Auswahl des jeweiligen Z-Baumes und den zu entnehmenden Bäumen gab es unterschiedliche Ansätze, und so endete die Exkursion mit der alten Weisheit: „10 Förster, 11 Meinungen“.
Waldführung zum Thema „Wiederbewaldung der Stadtforst - Ein Stadtwald nach dem Borkenkäfer“
Die Stadtforst Goslar mit 3.0000 ha Waldfläche war ein von Fichten dominierter Kommunalwald im Harz. Der größte Stadtwald in Niedersachsen hat in den Kalamitätsjahren ab 2018, fast alle mittelalten und alten Fichtenbestände durch Trockenheit und nachfolgendem Borkenkäfer verloren. Immense Holzmengen sind dabei durch den Borkenkäfer angefallen, die aufgearbeitet und verkauft werden mussten. Bei der Aufarbeitung und für die spätere Wiederbewaldung wurde ein Totholzinselkonzept auf den Freiflächen etabliert. Neben der ökologischen Anrechnung von stehendem Totholz auf den Flächen fungieren die Totholzinseln auch als „Windbremse“ an den Steilhängen und der Wanderschatten der abgestorbenen Bäume hält die Feuchtigkeit länger auf den Flächen. Besonders gut sieht man den Effekt im Frühjahr. Dann wenn die Schneereste im Schattenbereich der Totholzinseln länger liegenbleiben als auf der übrigen Freifläche.

Marcel Möller, Leiter des Stadtforstbetriebes, erläutert den Exkursionsteilnehmern die waldbaulichen Herausforderungen der Wiederbewaldung von Kalamitätsflächen.
Bei der Exkursion „Wiederbewaldung der Stadtforst - Ein Stadtwald nach dem Borkenkäfer“ könnte an einigen Flächen oberhalb der Granetalsperre im Revier Herzberg die Aufforstungen der letzten Jahre begutachtet werden. Ziel ist es, einen artenreichen Mischwald aus standortgerechten Laub- und Nadelbaumarten unter Einbeziehung der vorkommenden Naturverjüngung (Fichte/Eberesche) zu pflanzen und etablieren. In der Stadtforst Goslar gehören je nach Standort Buche, Bergahorn, Traubeneiche, Roteiche, Kirsche, Hainbuche und Esskastanie zu den Laubbaumarten, die gepflanzt werden. Hinzu kommen Nadelbaumarten wie Küstentanne und Weißtanne, Lärche und etwas Douglasie. Getreu nach dem Motto „… wer streut der rutscht nicht …“ Bei der Wiederbewaldung ist unser größter Gegner die Brombeere. Diese mach an vielen Stellen die Aufforstung schwierig. Dass die Pflanzungen kostspielig und personalintensiv sind, liegt auch an der Lage des Stadtwaldes, denn 70 Prozent des Waldes sind Steilhanglagen und nicht maschinenbefahrbar.
Nach den Exkursionen gab es im Anschluss noch einen regen Austausch an der Steinbergalm zu dem mitgenommenen Wissen und Erlebten aus den Exkursionen. Auch dieser Tag war ein voller Erfolg für alle Teilnehmer und sollte vielfältig wiederholt werden.

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